Objekt:

 Figurine, Elfenbein, 8 x 24 mm.

Datierung:

 900-800.

Herkunft:

 Libanon (angeblich aus Tyrus).

Sammlung:

 Fribourg, Sammlungen BIBEL+ORIENT, VFig 1998.11.

Darstellung:

 Trotz des fragmentarischen Zustands hat das kleine Relief viel von seiner expressiven Kraft bewahrt, mit der es die Intensität der Zuwendung der Kuh zu ihrem Kalb darstellt. Obwohl es sich um ein Serienstück handelt, sind die Eigenheiten des Kuhkörpers gekonnt erfasst und dargestellt [ergänzter Text von Keel/Staubli 2001: Nr. 9: Das trotz seiner kleinen Dimensionen sehr detailreich geschnitzte und modellierte Elfenbeinfragment stellt eine Kuh dar, die den Kopf zu ihrem saugenden Kalb zurückgewandt hat, von dem nur gerade das Köpfchen erhalten ist. Die Beine der Kuh, ihr Schwanz, ihre Zunge, mit der sie den Rücken des Kalbes leckte, und der Körper des Jungtiers sind verloren. Obwohl es sich um ein Serienstück handelt, ist dieses doch mit viel handwerklichem Sachverstand und Sinn für die Anatomie der Tiere gefertigt worden. Die Kombination von Modellier- und Ritztechnik schafft mit einfachen Stilmitteln starke, anatomisch überzeugende Effekte: vier Striche deuten die Rippen an, leicht gebogene Linien das Kammhaar, zwei Linien heben bei Kuh und Kalb das Auge hervor, und fünf kleine Zacken konturieren den Übergang vom Stirnhaar zum Hornansatz. Das kreisrunde Auge der Kuh war ursprünglich wohl mit einer Einlage (aus Muschelkalk?) versehen. Kruppe und Beinmuskulatur sind durch Modellierung hervorgehoben. Der Kopf des Kalbes ist im Vergleich zu dem des Muttertiers etwas gross geraten, wenn man andere Darstellungen daneben hält. Der Grund dafür liegt in der Miniaturisierung: Je kleiner eine Darstellung, desto größer musste im Verhältnis der Kopf des Jungtiers dargestellt werden, wenn der Künstler nicht ganz auf Details verzichten wollte. Die Oberfläche wurde sehr fein poliert, was dem Stück einen leicht schimmernden Glanz verleiht. Von oben betrachtet sieht man, dass das Fragment leicht gerundet ist und im Bereich der Kruppe leicht zurückbiegt. Es dürfte ursprünglich Teil eines Panels gewesen sein, bei dem eine ganze Reihe gleich gefertigter Schnitzereien in durchbrochener Arbeit aufeinander folgten. Aufgrund der bescheidenen Dimensionen wird es ein relativ kleines Möbelstück geschmückt haben. Deshalb fehlen wohl auch die ansonsten üblichen Schlitze im Rücken; die Halterung mittels einer (verlorenen) Basisleiste hat offenbar genügt].

Diskussion:

 Syrische Elfenbeine sind nur eine Bildträgergattung, die das Motiv der säugenden Kuh gepflegt hat. Dieses taucht in der Mitte des 3. Jt. v. Chr. gleichzeitig in Mesopotamien und Ägypten auf und findet sich bis in die römische Zeit. In Ägypten ist es vor allem mit Hathor verbunden (Keel/Schroer 2004: Nr. 148; vgl. Keel 1980: 78-81 Abb. 38-42), in Mesopotamien mit Ischtar und der Muttergöttin Ninchursanga (Keel 1980: 104-109, Abb. 73-78). In den Texten von Ugarit zeugt Baal in Gestalt eines Stiers Nachwuchs mit einer Kuh (KTU 1.5 V. 18-22; Dietrich/Loretz 1997: 1181f). Diese wird oft, aber zu Unrecht, mit Anat identifiziert. Es bleibt unklar, mit welcher Göttin die säugende Kuh in der Levante identifiziert wurde. Einen Reflex der numinosen Wertung der säugenden Kuh bzw. des Kleinviehs finden wir im biblischen Gebot, das Junge mindestens sieben Tage beim Muttertier zu lassen, bevor es geopfert werden darf (Exodus 22,28f; Levitikus 22,27). Der hebräische Text redet übrigens nicht vom Muttertier, sondern einfach von der Mutter. «Macht also jetzt einen neuen Wagen; holt zwei säugende Kühe, auf die noch kein Joch gelegt worden ist, und spannt die Kühe vor den Wagen; ihre Kälber aber nehmt ihnen weg, und bringt sie nach Hause! Dann nehmt die Lade des Herrn und stellt sie auf den Wagen, und legt daneben in einer Tasche die goldenen Gegenstände, die ihr ihm als Sühnegabe entrichten wollt; dann laßt sie fortziehen! Gebt aber acht: Wenn die Lade in Richtung Bet Schemesch, also in ihr Gebiet hinaufzieht, dann war er es, der uns dieses große Unheil zugefügt hat; wenn nicht, dann wissen wir, daß nicht seine Hand uns getroffen hat, sondern daß es ein Zufall gewesen ist. Die Leute machten es so. Sie nahmen zwei säugende Kühe und spannten sie an den Wagen; ihre Kälber aber hielten sie zu Hause zurück. Sie stellten die Lade des Herrn auf den Wagen und auch die Tasche mit den goldenen Mäusen und den Abbildern ihrer Geschwüre. Die Kühe aber gingen geradewegs in Richtung Bet Schemesch; sie folgten genau der Straße, wichen weder nach rechts noch nach links ab und brüllten immerzu. Die Fürsten der Philister folgten ihnen bis zur Grenze von Bet Schemesch.» 1Samuel 6,7-12. «Du sollst jede Erstgeburt des Mutterschoßes JHWH übergeben; jede Erstgeburt des Nachwuchses (hebr. schagar) des Viehs, die männlich ist, gehört JHWH.» Exodus 13,12. «Deinen Erstgeborenen sollst du mir geben. So sollst du auch mit deinem Stier und deinem Kleinvieh machen. Sieben Tage lass es bei seiner Mutter sein, am achten Tage sollst du es mir geben.» Exodus 22,28b-29. [ergänzter Text von Keel/Staubli 2001: Nr. 9: Parallelen zu unserem Stück, allerdings fast doppelt so lange, finden sich unter den Elfenbeinen, die in einem assyrischen Palast in Arslan Tash in Nordostsyrien aus dem 8. Jh. gefunden wurden. Etwas kürzer (8,4 cm) ist ein Stück in Karlsruhe, das ursprünglich vom selben Ort stammen könnte. Ähnliche Stücke mittlerer Grösse sind auch im sogenannten ‹Fort Shalmaneser› in Nimrud gefunden worden. Bei all diesen Stücken handelt es sich wohl um Beute- und Tributgut aus dem Westen. Aramäisch geschriebene Handwerkerzeichen auf der Rückseite erlauben es, sie einer aramäischen Werkstatt zuzuweisen, deren Standort wohl in Hamat oder Damaskus anzusetzen ist. ... Wo die Kleinviehzucht verbreiteter war als die Rinderzucht, wurde das Motiv (Kuh und Kalb) adaptiert, d.h. die Bovinen durch Ziegen und Schafe ersetzt. Überall evozierte es die instinktive, intensive Verbundenheit von Mutter- und Jungtier, die man als Ausdruck stärkster emotionaler Zuneigung interpretierte und in der Literatur metaphorisch auch auf menschliche oder göttliche Liebende übertrug. Gleichzeitig handelt es sich um eine typische Segensikone, in der die sogar den Tod überwindende Weitergabe des Lebens und die sich darin äussernde göttliche Sympathie – besonders, aber nicht ausschliesslich von sogenannten Muttergöttinnen – für alles Lebendige emblematisch sichtbar wird.] [Autor der Ergänzungen: Christoph Uehlinger].

Parallelen:

Thimme 1973: 21f, Abb. 23-28, Nr. 28: mit Hinweis auf Parallele in Aleppo; Barnett 1975: pl. 5; Herrmann 1992: 38f, 70f, Nr. 132-136, pl. 80-81: keine genaue Parallele, Fort Shalmaneser; Rehm 1997: 135f, Nr. S 22; Keel 1980a: allgemein zum Motiv; Thureau-Dangin et al. 1931: 119-121, pls. 27-40: bes. 39,71.

Bibliographie:

Keel/Staubli 2001: 35, Nr. 9; Keel/Staubli 2003: Nr. 9; Keel/Schroer 2004: 166f, Nr. 147; Keel et al. 2007: 51, Nr. 31a; Keel 2008: 86, Nr. 103.

DatensatzID:

844

Permanenter Link:

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