Vertikale Ökumene

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Tisch 1 - Verehrten die Kanaanäer Gräuelgötter?

Im Ersten (Alten) Testament werden die Kanaanäer zahlreicher Gräuel bezichtigt: Die Kanaanäer hätten eine lockere Sexualmoral, sie würden Kinderopfer darbringen, Steine, Bäume und Gestirne anbeten und allerhand okkulte Praktiken ausüben. Mit solchen Vorwürfen wurde die Verfolgung und Ausmerzung der kanaanäischen Religion, insbesondere des Aschera-Kultes gerechtfertigt. Auch im Christentum bediente man sich dieser Argumentationsmuster, besonders im Kampf gegen Frauen («Hexen»), Indianer und Afrikaner. Im heutigen Israel greifen manche radikale Siedler auf sie zurück, um die Landenteignung der Palästinenser zu legitimieren.

 

Archäologische Funde zeigen die hohe Sensibilität Kanaans für die Kräfte der Natur und der Erotik. Beide Kräfte sind im Judentum und Christentum ungenügend integriert. Ihre Wiederentdeckung im Symbolsystem Kanaans kann helfen, Verdrängungen bewusst zu machen, D

efizite zu überwinden und religiöse Gewalt zu mindern.

 



Tisch 2 - Haben die Juden den Teufel zum Vater?

Genau das wird im Johannesevangelium behauptet. Es ist nicht die einzige, nur die krasseste judenfeindliche Stelle im Neuen Testament. Enttäuscht darüber, dass die Mutterreligion nicht samt und sonders der Lehre von Vater, Sohn und dem zwischen ihnen waltenden Geist der Liebe gefolgt ist und an das bereits angebrochene Reich des Messias glaubte, hat das Christentum Jahrhunderte lang unbarmherzig über sie triumphiert. Erst die Tragödie von Auschwitz hat ein tief greifendes Umdenken gebracht.

 

 

 

Der Chindlifrässerbrunnen mitten in der Stadt Bern ist ein Zeuge des christlichen Denkens, das ganz selbstverständlich das Böse mit dem Jüdischen identifizierte. Das traurige Monument der schwarzen Pädagogik sollte heute entgegen seiner ursprünglichen Absicht daran erinnern, dass es gerade die im Judentum besonders gepflegte Kultur des Erinnerns ist, auf die eine heutige Pädagogik des Dialogs und des gegenseitigen Respekts angewiesen ist.

 



Tisch 3 - Dient die Liquidierung der Kirche dem Fortschritt?

«Ecrasez l'infame!», forderte Voltaire angesichts der rückständigen Kirche seiner Zeit. Was den Aufklärern der ersten Stunde nicht gelungen ist, scheint den Machern des freien Marktes unserer Tage, die sich gerne auf die liberale Bürgertradition berufen, besser zu gelingen: Das Sonntagsarbeitsverbot soll abgeschafft werden, das Wort zum Sonntag wird zensiert, die Abteilung Religion bei Radio DRS geschlossen, das kirchliche Glockengeläut im Gegensatz zum Autolärm eingedämmt.

 

 

 

 

 

Die Statistik zeigt andererseits, dass ein sehr hoher Anteil von gesellschaftstragender Freiwilligenarbeit gerade von Männern, viel mehr aber noch von Frauen geleistet wird, deren Engagement in ihrer christlichen Frömmigkeit wurzelt. Die Aufklärer wurden nicht müde, die Religion als Opium des Volkes zu kritisieren. Heute ist es gerade die gottvergessene Welt des freien Marktes, die den Menschen durch permanenten Konsumismus das Denken vernebelt. Wieviel Entkirchlichung verträgt unsere Gesellschaft?